Research proposal

Unstrittig ist der Umstand, dass die Verringerung der Rückfalldelinquenz und eine gelungene Resozialisierung von Straftätern die übergeordneten, zeitlich entfernt liegenden distalen Ziele aller Interventionen im Straf- und Massnahmenvollzug darstellen. Im Justizvollzug werden vor diesem Hintergrund Aktivitäten und Programme durchgeführt, die diese Ziele verfolgen. Interventionen, die auf Konzepten des kognitiv-behavioralen Behandlungsansatzes basieren (Beck & Freemann, 1995; Marshall et al., 1999) wurden Wirksamkeitsanalysen unterzogen und haben positive Effekte in der Behandlung von Straftätern gezeigt (Landenberger & Lipsey, 2005). Diese meist aus den Theorien des sozialen Lernens (Bandura, 1991) abgeleiteten Programme sind in der Durchführungspraxis in der Regel standardisiert bzw. strukturiert und zielen beispielweise auf eine verstärkte Selbstkontrolle, Reflektion von Handlungsalternativen, Einübung sozialer Fertigkeiten, interpersonales Problemlösen, Perspektivenübernahme und die moralische Urteilsfähigkeit der Programmteilnehmenden ab (Bonta & Andrews, 2017).

Nach Abschluss deliktpräventiver Trainings im intramuralen Setting sind Massnahmen, die rückfallpräventiv wirken sollen, bei weitem noch nicht abgeschlossen. Eine Vielzahl von Forschungsergebnissen verweisen auf den Umstand, dass zeitlich begrenzte therapeutische Interventionen ohne Trainingstransfer in eine natürliche Umgebung nicht sehr wirksam sind (Wischka, 2013). Die Grundprinzipien einer integrativen Sozialtherapie (Rehn, 2012) fordern in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung und Einbeziehung des gesamten Lebensfeldes innerhalb und ausserhalb der sozialtherapeutischen Einrichtung in der Durchführung von Interventionen. Die Forderung nach extramuralen Erprobungsräumen im Rahmen von strafrechtlichen stationären Massnahmen muss aber gegenüber dem Risiko eines Rückfalls und dem gesellschaftlich legitimen Anspruch zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit abgewogen werden.

Bedingt durch die Digitalisierung und die Entwicklung des Internets eröffneten sich in jüngster Zeit neue Möglichkeiten in der psychosozialen Versorgung im Allgemeinen und der Psychotherapie im Besonderen. Webbasierte Interventionen konnten ihre Wirksamkeit in der Behandlung von z.B. Störungen durch Substanzgebrauch, Depressionen oder Angststörungen (Klein et al., 2016) belegen. Beispiele solcher computergestützten Programme sind das Prozessmonitoring der Psychotherapie (Schiepek et al., 2018) oder computergestützte in-vivo Expositionen (Berger, 2015).

Die Forderung nach einem Strategietransfer deliktpräventiver Interventionen bei Straftätern in den Alltag ausserhalb der Institutionen des Straf- und Massnahmenvollzuges tangiert somit die Fragestellung, inwieweit internetbasierte Interventionen (Klein et al., 2016) auch in der Vollzugs-Praxis nutzbringend implementiert werden könnten. Hierbei stellt sich weiter die Frage, ob die Vermittlung deliktpräventiver Strategien bei der Behandlung von Straftätern durch computergestützte Methoden im extramuralen Umfeld wirksam ergänzt werden kann.

Auf der Grundlage wissenschaftlich fundierten Behandlungsprogrammen bei Straftätern, der Evidenz zu internetbasierten Interventionen und unter Berücksichtigung der praktischen und rechtlichen Ausgangslage im Justizvollzug werden in diesem Forschungsprojekt die Einsatzbereiche eines Digitalen (Self-) Monitoring System (DSMS) für die Unterstützung des Transfers deliktpräventiver Lerninhalte innerhalb des intramuralen Settings des Massnahmenvollzug hin zu extramuralen Lebenswelten untersucht. Hierbei wird insbesondere das Potential eines solchen Systems hinsichtlich der möglichen Anwendung bei Sexualstraftätern und Straftätern mit einer Suchtproblematik analysiert.