Research proposal

Zusammenfassung

Die geplante Arbeit intendiert die Frage zu untersuchen, ob dem Einsatz digitaler (Self-) Monitoring Systeme eine (inkrementelle) Wirksamkeit im Rahmen der Programmen und Interventionen im Straf- und Massnahmenvollzug unterstellt werden kann. Von zentralem Interesse ist hierbei zu analysieren, ob sich spezifische Bereiche identifizieren lassen, in denen der Einsatz digitaler Systeme sich nutzbringend auf das Erreichen vollzugsnaher Ziele im Massnahmenvollzug auswirken könnte. Ferner wird die Frage untersucht, ob sich Faktoren auf Personenebene identifizieren lassen, die Hinweise auf einen mediierenden Effekt der digital unterstützen Intervention auf das Erreichen der Vollzugsziele geben. Praktisch angewendet wird das System an einer begrenzten Stichprobe von Straftätern, wodurch die Untersuchung heuristischen bzw. hypothesengenerierenden Charakter hat. Ein Evaluationskonzept für eine mögliche zukünftige Wirksamkeitsanalyse an einer grösseren Stichprobe wird vorgelegt.

Schlüsselwörter: Straf- und Massnahmenvollzug, Vollzugsziele, digitales (Self-) Monitoring System, Evaluationskonzept

Theoretischer Hintergrund

„Wirkungsorientierung“ (z.B. Kettinger & Schwander, 2011; Polutta, 2010) ist ein in vielen Disziplinen und gesellschaftlichen Handlungsfeldern verwendetes Konzept, in dem empirisch ermittelte Ergebnisse und Wirkungen unterschiedlicher Massnahmen und Programmen als Ausgangspunkt für die Steuerung von Systemen in der Praxis nutzbringend implementiert werden. Eine Steuerung dieser Art analysiert welche Massnahmen und Aktivitäten zur konkreten Zielerreichung benötigt werden und darüber hinaus auch, durch welche Indikatoren die Zielerreichung empirisch ermittelt werden kann (Mullen, Bellamy, & Bledsoe, 2007). Wirkungsorientierte Steuerung hat in diesem Zusammenhang auch Eingang in den Diskurs über die Schwerpunkte der Zielsetzungen innerhalb des Strafvollzugs erhalten (Suhling, 2018), wobei die Ergebnisevaluation im Sinne von intendierten und nicht intendierten Effekten von Aktivitäten und Programmen im Zentrum des Interessens steht. Nicht intendierte, also unerwünschte Ereignisse im vollzugsrechtlichen Sinne, werden beispielsweise durch Straftaten während der Flucht eines Gefangenen oder durch einen deliktspezifischen Rückfall während und nach dem Vollzug repräsentiert. In Bezug auf die sich veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber auch als Antwort auf einen schweren Rückfall eines einschlägig vorbestraften Straftäters entstand in der Schweiz aus einem Modellversuch das Steuerungskonzept eines risikoorientierten Sanktionenvollzugs (ROS). ROS (Treuthardt & Mayer, 2010) fasst unterschiedliche über Dekaden gewonnene Erkenntnisse in systematischer und nach dem heutigen Wissensstand umfassender Art und Weise zusammen und definiert als Ziele und Outcomes des Strafvollzugs die Resozialisierung und Risikominderung (vgl. Art. 75 StGB).

Wenngleich ROS einer breiten Evaluationsstudie unterzogen wurde (Schwarzenegger, Manzoni, & Baur, 2012), bleibt ein zentrales Hindernis einer wirkungsorientierten Steuerung im Strafvollzug der Mangel an wissenschaftlich begleiteten Wirksamkeitsstudien zu Massnahmen und Programmen auf der Ebene der Institutionen mit ihren spezifischen Kompetenzprofilen (Suhling & Neumann, 2015). Ein weiteres Defizit unterschiedlicher Evaluationsstudien lässt sich darin beschreiben, dass die unterliegenden mediierenden und moderierenden Mechanismen in der Analyse der Effektivität verschiedener Interventionen grösstenteils vernachlässigt wurden (Dahle et al., 2018).

Die geplante Arbeit möchte an diesen Defiziten und Hindernissen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns im Strafvollzug ansetzen und die Wirksamkeitsüberprüfung spezifischer Programme des offenen Massnahmenvollzugs (z.B. Art. 75a1 StGB) am Beispiel der Entwicklung eines Evaluationskonzepts für die Anwendung eines digitalen (Self-) Monitoring Systems im Massnahmenvollzug veranschaulichen.

Die auftraggebende Institution (Vollzugszentrum xxx) als kantonale Einrichtung des Justiz- und Sicherheitsdepartements xxx positioniert sich durch ihre konzeptuelle Ausrichtung explizit als Institution des offenen und alternativen Straf- und Massnahmenvollzugs. Nach meist mehrjähriger Haftstrafen in einer vorgelagerten Vollzugsinstitution und der damit verbundenen Eingrenzung von Freiheitsgraden erhalten im xxx Eingewiesene die Möglichkeit durch deutlich reduzierte Vorkehrungen gegen Entweichungen, Gruppenvollzug mit Einschluss „nur“ auf der Wohngruppe, durch Ausgänge, Urlaube und Massnahmen zur Reintegration in den Arbeitsmarkt sich schrittweise auf eine erfolgreiche Resozialisierung im gesellschaftlichen Leben nach dem Vollzug vorzubereiten (z.B. Art. 59, 60, 75 StGB). Der damit verbundene Zugewinn von Freiräumen bzw. Verantwortungen und Pflichten kann als markante Bruchlinie innerhalb einer Vollzugs-Chronologie bzw. -Biografie verstanden werden, da unterschiedliche behandlerische Funktionen des geschlossenen Vollzugs in den Hintergrund treten und breit abgestützte Massnahmen bzw. psychosoziale Unterstützungsprogramme für eine erfolgreiche gesellschaftliche Reintegration auf spezifischen Ebenen eine stärkere Gewichtung erhalten.

Eine spezifische Herausforderung in den Lockerungsstufen des offenen Massnahmenvollzugs ist der Aufbau eines funktionalen Umgangs mit deliktrelevanten Problembereichen beispielsweise in Situationen mit wachsenden persönlichen Freiheitsgraden (Koschate, 2015). Zur Erkennung und Modifikation von dysfunktionalen Verhaltensmustern werden Self-Monitoring Systeme in unterschiedlichen psychologischen Handlungsfeldern bereits jetzt erfolgreich eingesetzt (Trull, Ebner-Priemer, Brown, Tomko, & Schneiderer, 2012). Vor diesem Hintergrund wird in der Arbeit der Frage nachgegangen, in welchen Bereichen dem Einsatz digitaler (Self-) Monitoring Systeme im Strafvollzug einen Nutzen unterstellt werden könnte und wie die Wirksamkeit eines entsprechenden Systems überprüft werden kann.  

Fragestellung der Arbeit

Unstrittig ist der Umstand, dass die Verringerung der Rückfalldelinquenz und eine gelungene Resozialisierung von Straftätern im Massnahmenvollzug das zeitlich entfernt liegende distale Globalziel jeglicher Interventionen im Strafvollzug repräsentieren sollten. Die in der Schweiz durch ROS und dem damit entwickelten Steuerungskonzept definierten Vollzugsziele und Outcomes der Resozialisierung und Risikominderung (Art. 75 StGB) sind in einem distalen, gesellschaftlichen Bereich ausserhalb des Strafvollzugs zu verorten und können als Wirkungsziele operationalisiert werden (Suhling, 2018). Um der Komplexität einer genaueren Ziel-Operationalisierung Rechnung zu tragen, müssen Ziele mit divergierendem Abstraktionsgrad und deren Zusammenwirken auf verschiedenen Zielebenen in die Analyse mit einbezogen werden. Hierbei ist von besonderem Interesse zu untersuchen, welche Incomevariablen vermittelt über proximale Massnahmen– und Leistungsziele das Erreichen eines distalen Wirkungsziels begünstigen oder diesem auf unterschiedlichen Zielebenen entgegenstehen (Wössner, 2014). Als Income (Beywl & Niestroy, o. J.) werden die Merkmale bezeichnet, die die Inhaftierten mitbringen, wobei Persönlichkeitsmerkmale, rückfallrelevante Einstellungen bzw. Verhaltensweisen oder ihre Teilnahmemotivation Berücksichtigung in einer Analyse finden können.

Die geplante Arbeit fokussiert in diesem Zusammenhang in erster Linie auf die proximalen Ziele des Massnahmenvollzugs (Wössner, 2014), die in einer kausalen Verkettung mit den distalen Wirkungszielen (Resozialisierung und Risikominderung) verschränkt sind. Von zentralem Interesse ist hierbei die Frage, ob dem Einsatz eines digitalen (Self-) Monitoring Systems einen begünstigenden Einfluss auf das Erreichen dieser proximalen Ziele zugeschrieben werden kann. Und ob sich Hinweise auf Faktoren auf Personenebene identifizieren lassen, denen ein mediierender bzw. moderierender Effekt auf die Wirksamkeit der digitalen Intervention unterstellt werden könnte (z.B. Persönlichkeitsstruktur der Eingewiesenen, vgl. Dahle et al., 2018). Es wird somit der Frage nachgegangen, ob durch den Einsatz einer digitalen Interventionsstrategie die auf Systemebene erwünschten und rückfallpräventiven Entwicklungs- und Veränderungsprozesse Unterstützung finden, und ob intendierte bzw. nicht intendierte Effekte der Systemanwendung durch spezifische kriminalprognostisch relevante Risikoprofile auf Personenebene erklärt werden könnten. Hierbei fokussiert die Untersuchung insbesondere auf spezifische Persönlichkeitsstörungen und umschriebene Deliktklassen im Sinne von vermittelnden Variablen zwischen der digitalen Intervention und deren Wirksamkeit.

Hypothesen

Aufgrund der sehr kleinen Stichprobe hat die Untersuchung primär heuristischen bzw. hypothesengenerierenden Charakter (vgl. Köhler, 2008) mit dem Ziel, die aus der Masterarbeit gewonnenen Erkenntnisse an einer grösseren Stichprobe (z.B. im Rahmen eines Promotionsvorhabens) vertieft wissenschaftlich zu untersuchen. Hierbei ist eine zentrale Zielsetzung der Masterarbeit ein entsprechendes Evaluationskonzept vorzulegen.

Stichprobe

Einbezogen in die Arbeit wird aus datenschutzrechtlichen Gründen eine begrenzte Stichprobe von Klienten des Vollzugszentrum xxxx (eine offene Institution des kantonalen Justizvollzugs xxxx). Die Teilnahme an der Untersuchung erfolgt auf freiwilliger Basis, ohne Konsequenzen für den Vollzugsverlauf und unter vollständiger Information über die Studie (informed consent).  

Literatur

Beywl, W., & Niestroy, M. (o. J.). Das A-B-C der wirkungsorientierten Evaluation. Köln: Univation.

Dahle, K. P., Hamatscheck, M. J, Richer, M. S., & Hausam, J. (2018). Therapieverläufe bei Sexualstraftäteren. Gibt es messbare Entwicklungsprozesse? Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 2, 329 – 343.

Kettinger, D., & Schwander, M. (2011). Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit – Möglichkeiten und Grenzen. In A. Fritze, B. Maelicke, & B. Uebelhart (Hrsg.), Management und Systementwicklung in der Sozialen Arbeit (S. 114–133). Baden-Baden: Nomos.

Köhler, Th. (2008). Statistische Einzelfallanalyse. Weinheim: Beltz.

Koschate, J. (2015). Serientäter Frank Schmökel: Eine Analyse der Sozialisations- und Entwicklungsgeschichte. Hamburg: Diplomica.

Mullen, E. J., Bellamy, J. L., & Bledsoe, S. E. (2007). Evidenzbasierte Praxis in der Sozialen Arbeit. In P. Sommerfeld, & M. Hüttemann (Hrsg.), Evidenzbasierte soziale Arbeit. Nutzung von Forschung in der Praxis (S. 10–25). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Polutta, A. (2010). Wirkungsorientierung und Profession. Neue Professionalisierung oder Ende professioneller Sozialer Arbeit. Soziale Passagen, 2, 47–62.

Schwarzenegger, Ch., Manzoni, P., & Baur, M. (2012). Modellversuch Risikoorientierter Sanktionenvollzug: Ergebnisevaluation – Zwischenbericht I. Zürich: unveröffentlichtes Manuskript.

Suhling, S. (2018). Wirkungsforschung und wirkungsorientierte Steuerung im Strafvollzug. In B. Maelicke & S. Suhling (Hrsg.), Das Gefängnis auf dem Prüfstand. Zustand und Zukunft des Strafvollzugs (S. 23 – 47). Wiesbaden: Springer.

Suhling, S., & Neumann, N. (2015). Strafvollzugsforschung im Wandel? Positive Entwicklungen und Herausforderungen für Wissenschaft und Praxis. Kriminalpädagogische Praxis, 50, 46–62.

Treuthardt, D., & Mayer, K. (2010). ROS – Risikoorientierter Sanktionenvollzug im Kanton Zürich. In F. Riklin & A. Baechtold (Hrsg.), Sicherheit über alles? Chancen und Gefahren des „Risk Assessment“ im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe. Materialien der Fachgruppe Reform im Strafwesen der Caritas Schweiz, Band 1 (S. 11‐16). Bern: Stämpfli.

Trull, T. J., Ebner-Priemer, U. W., Brown, W. C., Tomko, R. L., & Schneiderer, E. M. (2012). Clinical Psychology. In M. R. Mehl & T. S. Conner (Eds.), Handbook of Research Methods for Studying Daily Life. New York: Guilford Press.

Wössner, G. (2014). Wie kann man in der Sozialtherapie Therapieerfolg feststellen oder messen? Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 8(1), 49 – 58.

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